Ende Januar saß er vor mir. Mitte 30. Gelernte Pflegefachkraft. Seit einem Monat clean und innerlich komplett leer.
Drei Monate und 24 Sitzungen später saßen wir wieder da. Letzter Termin. Und ich habe gedacht: Was für ein Weg.
Seine Realität am Anfang? Seit Jahren Berge der Überschuldung, Gläubiger und Schuldscheine, fast zwei dicke Ordner voll. Ein Job in der Pflege, der sich irgendwann nicht mehr nach Helfen, sondern nur noch nach Druck und falscher Verantwortung angefühlt hat. Und der Verlust seiner Mutter, der einzige Mensch in Deutschland, der ihm wirklich etwas bedeutet hat.
Was bleibt, wenn alles wegbricht? Schmerz. Einsamkeit. Leere.
Und genau da kam Cannabis ins Spiel. Erst als Kurzzeiturlaub, um der Verantwortung des Lebens zu entfliehen. Später, um überhaupt noch etwas zu fühlen.
Am Anfang war da dieser eine Moment. Dieser Kick. Dieses Gefühl von: „Ich darf sein, wie ich bin, und fühle mich glücklich dabei.“
Und dann beginnt etwas, das viele unterschätzen. Man will genau dieses Gefühl wieder. Aber es kommt nicht mehr zurück. Also konsumiert man mehr. Nicht, weil es besser wird, sondern weil man dem ersten Gefühl hinterherläuft.
Als er zu mir kam, war er seit einem Monat clean. Sein Leben war es jedoch noch nicht. Keine Struktur. Sozialer Rückzug. Kaum Energie und Motivation.
Wo wir angesetzt haben
Wir haben sein Leben neu sortiert. Finanzen geregelt. Schuldnerberatung organisiert. Eine Privatinsolvenz angestoßen. Einen Wochenplan aufgebaut, damit Tage wieder Halt bekommen. Und wir haben ehrlich hingeschaut, was der Pflegeberuf mit ihm gemacht hat.
Vor allem aber haben wir über persönliche und berufliche Grenzen gesprochen. Über dieses Gefühl, immer funktionieren zu müssen. Über Verantwortung, die irgendwann zu schwer wird. Über den Punkt, an dem Menschen sich selbst verlieren.
Ein Satz aus unseren Gesprächen ist mir besonders im Kopf geblieben: „Kein Kick war jemals wieder so gut wie der erste. Ich habe nur immer weiter versucht, dieses Gefühl zurückzubekommen.“
Und genau dort ist bei ihm etwas gekippt. Weg vom Hinterherlaufen, hin zu der Frage: Was tut mir eigentlich wirklich gut?
Heute sitzt dort ein Mensch, der reflektierter, klarer und stabiler wirkt als zu Beginn. Jemand, der für sich verstanden hat, dass persönliche Abgrenzung kein Egoismus ist, sondern Selbstschutz.
Und ganz ehrlich: Wie viele Menschen in der Pflege sind genau an diesem Punkt? Funktionieren. Aushalten. Weitermachen. Ohne jemals gelernt zu haben, sich gesund abzugrenzen.
Für mich zeigt dieser Fall wieder ganz klar: Menschen zerbrechen selten plötzlich, sie verlieren sich oft über Jahre in Verantwortung, Überforderung, Einsamkeit und dauerhaftem Funktionieren. Gerade deshalb sind persönliche Abgrenzung, mentale Gesundheit und ehrliche Selbstreflexion keine Schwäche, sondern notwendiger Selbstschutz.
Welche Erfahrungen haben Sie gemacht? Wie gehen Sie mit diesen Themen um? Ich freue mich, wenn Sie mir davon erzählen.
