Diesen Satz sagte eine junge Frau Anfang 20 lachend nach einer unserer Sitzungen. Am Ende schenkte sie mir eine Tasse mit genau diesem Spruch.
Als sie sechs Monate zuvor das erste Mal vor mir saß, war davon nichts sichtbar. Still. Abwesend. Kraftlos.
Sie hatte innerhalb weniger Jahre erst ihren Vater und später ihre Mutter verloren. Gerade war sie aus der Tagesklinik entlassen worden, ein Therapieplatz war beantragt, die Wartezeit ungewiss.
Sie berichtete von Depressionen, regelmäßigen Panikattacken und starker emotionaler Überforderung. Mehrmals pro Woche nahm sie eine Notfallmedikation ein, die sie bis in den nächsten Tag hinein sedierte. Sie sagte: „Ich weiß nicht mehr, wie ich weitermachen soll.“
Sie war meine erste Langzeitklientin im Gesundheitscoaching. Was folgte, war kein Motivationscoaching, sondern Stabilisierungsarbeit.
Menschen in psychischen Krisen brauchen selten zuerst Lösungen, sondern Orientierung, Struktur, Sicherheit und das Erleben von Selbstwirksamkeit.
Woran wir gearbeitet haben
- Tagesstruktur entwickelt
- Energielevel dokumentiert
- Frühwarnzeichen analysiert
- Strategien bei Panikattacken aufgebaut
- Stressmuster reflektiert
- Selbstwirksamkeit erarbeitet
- Glaubenssätze bearbeitet
- Abgrenzung geübt
- emotionale Auslöser sichtbar gemacht
- Wertearbeit zur Motivation genutzt
Die Entwicklung entstand nicht durch einzelne Durchbrüche, sondern durch Kontinuität: zwei feste Termine pro Woche, Reflexion, Wiederholung und kleine Erfolgserlebnisse.
Nach zwei Monaten sagte sie: „Ich hatte seit Wochen keine Panikattacke mehr.“ Voller Freude ergänzte sie: „Jeder Mensch braucht einen Coach wie Sie.“ Der Satz wurde danach zu unserem Running Gag.
Nach drei Monaten begann sie, aktiv Grenzen zu setzen. Nach fünf Monaten sprach sie über traumatische Erfahrungen und erkannte den Unterschied zwischen Verdrängung und Verarbeitung. Nach sechs Monaten stand eine junge Frau vor mir, die Zukunftsperspektiven entwickelte und persönliche Grenzen setzen konnte.
Nicht geheilt, jedoch stabiler, reflektierter und handlungsfähiger.
Coaching ersetzt keine Therapie, kann dennoch stabilisieren und Versorgungslücken überbrücken, besonders bei langen Wartezeiten.
Zum Abschluss sagte sie: „Ich werde unsere Gespräche vermissen.“ Ich antwortete: „Ich hoffe, ich werde Sie nicht wiedersehen. Dann weiß ich, dass Sie Ihren Weg gegangen sind.“
Für mich bedeutet professionelle Begleitung: Menschen nicht abhängig machen, sondern zurück in ihre eigene Handlungsfähigkeit führen.
